Dr. Ophelia Nick BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

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Der Stall der NRW Ministerin – meine Stellungnahme nach der Sendung SternTV

Ophelia NickOphelia Nick

Nach dem SternTV Auftritt zur Diskussion von Schweinehaltung traf auf mich sehr viel Zustimmung und aber auch Kritik. Viele Zuschriften kamen von den Zuschauern auch Landwirten, die sich bedankt haben, viele nachdenkliche Kommentare. Aber auch deutliche Angriffe: ich würde eine Schmutzkampagne lostreten, hätte keine Ahnung, die gezeigten Bilder seien veraltet und über einen langen Zeitraum zusammengetragen.

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Man muss nicht Tierärztin sein, um Leid und Krankheit in diesem Ausmaß zu erkennen. Man muss nicht in der Landwirtschaft arbeiten, um ein Mindestmaß an Sauberkeit, Stallklima und Wohlbefinden von Tieren beurteilen zu können. Und wichtig ist, keine Unwahrheiten zu verbreiten. Das war die Grundlage, auf der ich als Vertreterin unseres Vereines „Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft e.V.“ die Ställe beurteilt habe. Die Verhältnisse an sich wurden auch in der Stellungnehme des Ehemannes von Frau Schulze Föcking nicht bestritten, lediglich anders beurteilt.

Jeder der Tiere hält, ist mit Erkrankungen konfrontiert. Es gibt Phasen, in denen man aus verschiedenen Gründen gehäufte Erkrankungen im Stall haben kann. Das gehört zum Beruf eines tierhaltenden Landwirtes dazu. Dabei gilt es, jedem einzelnen erkrankten Tier zu helfen. Wenn das Geschehen systemisch ist und wiederholt auftritt, ist dieses System zu ändern, im Sinne der Tiere, aber auch weil kranke Tiere unwirtschaftlich sind und unnötig Leid, Arbeit und Kosten verursachen.

Schaut man auf die Entwicklung der Landwirtschaft und Tierhaltung der letzten Jahrzehnte zurück, dann hat sich die Landwirtschaft rasant entwickelt, ist produktiver geworden, aber das Wohl der Tiere ist dabei definitiv zu wenig beachtet worden. Immer mehr Tiere müssen auf immer weniger Raum mehr Leistung bringen. Als Tierärztin gemeinsam mit meinen Kollegen im Verein sind wir im Sinne der Tiere nicht mehr bereit das stillschweigend hinzunehmen. Da muss umgedacht und gehandelt werden.

Da würde ich mir mehr Offenheit und Entwicklungsbereitschaft wünschen. Ein Beispiel von unserem Hof: Die Leute waren nicht mehr bereit, die Milch von der Milchtankstelle zu holen, da wir die Kälber erst nach sieben Tagen (das ist länger als die meisten bei ihren Müttern bleiben dürfen) getrennt haben. Das bewog unseren Gesellen die Flex und das Schweißgerät in die Hand zu nehmen und einem Kälberstall inmitten unseres Kuhlaufstalles zu bauen. Kuh und Kalb können sich jetzt durch die Gitter berühren und morgens und abends dürfen sie zueinander. Der Zusatzeffekt: keine Durchfälle mehr.

Wir bekommen im System oft nicht mit, was falsch läuft und der Druck von außen ist zwar unangenehm, aber auch eine Chance. Es gibt viele Beispiele, wie wir besser mit den Tieren umgehen können. Im letzten „Wochenblatt“ (landwirtschaftliche Zeitung des Westfälischen Bauernverbandes) waren die ersten Seiten voll mit Lobeshymnen auf das bestehende System und Schuldzuweisungen auf Tierschützer, GRÜNE und mich. Einige Seiten später wurde ein neuer Schweinestall mit Außenhaltung auf Stroh und einem zufriedenen Landwirt vorgestellt, dem die Arbeit an der frischen Luft (!) und das sichtbare Wohlbefinden seiner Schweine glücklich macht. So ist es! Und nichts anderes ist das Ziel. Selbstbewusste Landwirte, die ein gutes Einkommen, eine gesellschaftliche Anerkennung und zufriedene Tiere auf Weiden und in Ställen haben. Geht nicht? Falsch! Dazu gibt es zu viele Beispiele, dass es anders geht. Das konventionelle System erscheint zunächst wirtschaftlicher und es ist oft bequemer von den Arbeitsabläufen her. Aber müssen wirklich die Kühe nur noch im Stall sehen und sehnsuchtsvoll auf die Wiese schauen und mit Kraftfutter aus Südamerika gefüttert zu werden. Wer findet das gut? Die Folgen auf unserem Planeten sind offensichtlich.

Der Umbau der Tierhaltung geht nicht von heute auf morgen. Und ein hochkomplexes System wie das der Schweinemast vom Ferkelzüchter bis zum Schlachthof ist nicht schnell zu verändern. Aber es ist möglich und der Wille und der Druck der Gesellschaft ist da. Als Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft NRW e.V.“ haben wir ein Konzept zum Umbau der Schweinehaltung geschrieben. Wir beziehen in dem Konzept den Verbraucher, die Politik, den Handel und die Landwirte ein. Wir haben es klar durchgerechnet und auf Schwierigkeiten in der Umsetzung hingewiesen. Wir haben uns unterschiedliche Betriebe angeschaut und mit vielen Experten gesprochen. Wir bieten dieses Konzept zum Dialog an.

Auf Podiumsdiskussionen mit Bauernverbänden geht es immer handfest her. Auch wenn ich den Austausch schätze, gehen wir oft ohne Annäherung auseinander. Da stehen die Landwirte auf der einen und die Tierschützer auf der anderen Seite und der Graben dazwischen scheint unüberwindbar. Da müssen beide aufeinander zugehen. Ich bin dazu bereit. Wir alle müssen uns entwickeln und versuchen, die beste Lösung zu finden. Aufeinander schimpfen ist dabei destruktiv und auch nicht im Sinne der vielen Landwirte, die eine zukunftsfähige Landwirtschaft wollen. Wieso nicht zusammensetzen und ernsthaft und offen diskutieren? Wir können voneinander lernen und die Landwirtschaft in Deutschland weiterentwickeln. Ich stelle mich der Diskussion und will auch zuhören. Ansprechen, einladen, reden, handeln – nur so kommen wir weiter.

 

 

 

privat und beruflich: 1973 geboren, Ruhrgebietskind, verheiratet, 4 Jungs. Nach dem Abi zum Biohof. Tierärztin, summa cum laude in Tierverhalten promoviert. Zurzeit Politikerin, Unternehmerin und Ehrenämter (Z.B. ABL e.V. NRW Vorsitz, Mehr Demokratie e.V., INGA Flüchtlingshilfe e.V, usw.) GRÜNE Funktionen: Mitglied im Landesvorstand NRW, Sprecherin BAG Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Mitglied in zwei LAGen und Votum von beiden. Sprecherin KV Mettmann, sachkundige Bürgerin in der Kreistagsfraktion, im Rat der Stadt Wülfrath und Vorsitzende des Rechnungsprüfungsausschusses.