Dr. Ophelia Nick BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

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Saatgut-Tagung „Vielfalt in Bauern- und Gärtnerhand im Haus Düsse“ am 27.02.2018

Sonja MrstikSonja Mrstik

Saatgut und Züchtung sind gesellschaftliche Aufgaben

„Wir wollen die Möglichkeiten vielfältiges Saatgut zu entwickeln unterstützen und eine Diskussion über Saatgut und deren Bedeutung für uns in die Gesellschaft hineinbringen“ so die Grußworte von Gerald Knauf der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW.

Die Tagung „Saatgut: Vielfalt in Bauern- und Gärtnerhand“ am 27. Februar 2018 in Haus Düsse, war mit rund 70 Teilnehmern aus den verschiedensten Bereichen, wie LandwirtInnen, Gärtner, Züchter, Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft, Bäcker und Bio-Großhandel sehr gut besucht. Es war die Auftaktveranstaltung des gleichnamigen zweijährigen Projektes der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Nordrhein-Westfalen (AbL NRW), welches von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW gefördert wird.

Bei der Tagung gaben Züchter, Vermehrer und Sorten-Erhalter Einblicke in die Züchtung aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln. „ Denn wir wollen herausfinden, wie wir Gärtner und LandwirtInnen dabei unterstützen können, wieder vielfältige, gesunde und widerstandsfähige Nutzpflanzen für die Gesellschaft zur Verfügung zu stellen“ so Dr. Ophelia Nick, Vorsitzende der AbL NRW in ihrem Grußwort. Gyso von Bonin aus dem Vorstand der AbL NRW gab die „Knebelung weltweiter Sortenentwicklung durch die Gesetzgebung“ zu bedenken, „die ein vielfältiges Angebot verhindert.“

Außerdem würden bei ihm die „Alarmglocken läuten, da nur ein paar wenige große Saatgutkonzerne weltweit einen sehr hohen Marktanteil haben“. „Die vier größten Saatgutunternehmen haben einen Marktanteil von 58 % weltweit.“, so die Saatgut-TagungProjektleiterin Svenja Holst, „deren Marktmacht auch durch die gesetzlichen Bestimmungen wie das Saatgutverkehrsgesetz begünstigt wird. Die Erhaltung von Nutzpflanzenvielfalt wird dagegen behindert“. Zwei Züchter, Dr. Walter Schmidt, ehemaliger Leiter der Maiszüchtung der KWS in Deutschland, und Johanna Fellner, Kultursaat-Gemüsezüchterin beim Dottenfelder Hof, zeigten wie unterschiedlich Züchtung gestaltet werden kann. Dem weltweiten Siegeszug der Hybridpflanzen, die zwar im Ertrag überlegen, in der Widerstandsfähigkeit oft unterlegen sind, stellte Johanna Fellner eine Züchtung auf Qualität, Vielfalt und Erhalt schon fast vergessener Sorten gegenüber.

Dr. Walter Schmidt

Walter Schmidt, der seine jahrzehntelange Erfahrung in der KWS Maiszüchtung nun im Ruhestand für vielfältige ökologische und auch konventionelle Maiszüchtung einsetzt, führte die Besucher durch alle Arten der Züchtungsmöglichkeiten. Er beschrieb eindrücklich, dass das in der konventionellen Züchtung vorherrschende Hybridsaatgut vor allem für hohe Erträge und homogene Bestände hin gezüchtet wird. Der Nachteil ist jedoch, dass Landwirte Hybridsaatgut nicht nachbauen dürfen und jedes Jahr das Saatgut kaufen müssen.

Gärtnerin Rita Breker-Kremer berichtete von den teils hohen Saatgutpreisen wie 1,80 € für einen Samen der Tomatensorte Campari. Walter Schmidt räumte ein: „Hybride schützen davor, dass kein Geld für Züchtung ausgegeben wird.“ Dem entgegnete Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der AbL, und forderte: „Deutschland darf kein Geld mehr in die Hybridzüchtung stecken. Es muss der Bevölkerung vermittelt werden, dass wir uns als Gesellschaft um Züchtung kümmern müssen.“

Die Kultursaat-Züchterin Johanna Fellner teilt diese Forderung und züchtet deshalb keine Hybride, sondern nur samenfeste, also nachbaufähige Sorten. Zusätzlich melden sie keinen Sortenschutz an, sodass die Sorten ohne Gebühren nachgebaut werden können. Johanna Fellner warnt: „In Europa gibt es immer weniger samenfeste Sorten. In Deutschland gibt es z.B. keinen samenfesten Romanesco mehr.“ Sie hebt hervor, dass Kultursaat neben dem Ertrag auch sehr auf den Ernährungswert der Sorten achtet. Und ihre Züchtung findet direkt eingebunden in einem landwirtschaftlichen Betrieb statt, anstatt in einem reinen Züchtungsunternehmen.

Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Svenja Holst (Projektleiterin), Ullrich Schulze (LWS-Kammer), Dr. Walter Schmidt (KWS), Dr. Ophelia Nick (Vorsitzende AbL NRW), Johanna Fellner (Kultursaat-Züchterin), Peter Angenendt (Getreidevermehrung)

Ullrich Schulze, der sich seit fast 20 Jahren an der Landwirtschaftskammer NRW für den Erhalt von Nutzpflanzenvielfalt engagiert, stellte das Projekt „Pflanzengenetische Ressourcen“ vor, in dem alte Getreidesorten aus der Zeit vor 1900 angebaut werden, wie Binkel, Nacktgerste und Schwarzhafer. Besondere Produkte wie sein mitgebrachtes Bier aus Chevalliergerste könnten die Sortenvielfalt bereichern und neue Märkte für LandwirtInnen schaffen. Der Referent Peter Angenendt, Landwirt aus Drensteinfurt, vermehrt erfolgreich Bio-Saatgut von Getreide und Leguminosen und betont, wie wichtig Biodiversität auch bei Saatgut in Zukunft werden wird. Er wiederum sprach sich für Nachbaugebühren zur Finanzierung der Züchtung aus.

Das wurde in der abschließenden Podiumsdiskussion intensiv diskutiert, denn viele Zuhörer sehen es als Gesellschaftsaufgabe an, sodass die Züchtung von vielfältigem Saatgut auch über den Handel oder einen Saatgutfonds finanziert werden sollte.

„Wir respektieren unternehmerische Züchtung, aber Erhalt und Zucht vielfältiger Nutzpflanzen ist Allgemeininteresse“ gab Svenja Holst zum Abschluss zu bedenken und hat deshalb im Rahmen des Projektes noch viel für die nächsten zwei Jahre vor.