Dr. Ophelia Nick BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

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Clean meat – die Erlösung von Massentierhaltung und Klimagase durch Fleischherstellung im Reagenzglas?

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meat – die Erlösung von Massentierhaltung und Klimagase durch Fleischherstellung im Reagenzglas?

Artensterben, Klimawandel und das millionenhafte Leid landwirtschaftlicher Nutztiere ist derzeitige Realität. Diesem mit einer industriell erzeugten Fleischerzeugung ohne Tierhaltung zu begegnen, ist ein verführerischer Gedanke. Neben dem Invitrofleisch wird deshalb auch an alternativen Proteinprodukten aus Pflanzen geforscht. Auch Nahrung aus Insekten wird immer wieder als eine „moderne“ Proteinquelle angepriesen.

Erste Startups in Amerika und Israel versuchen Fleisch aus tierlichen Gewebeproben herzustellen  und sammeln Millionen für die Entwicklung. Dabei gibt es durchaus Erfolge in der Medizin und auch der erste „Hackburger“ für 650.000 $ wurde präsentiert. Es waren aber eben nur sehr kleine Mengen. Um Fleisch für den Verzehr zu produzieren, wären riesige Anlagen nötig.

Ganz klar, unsere Tierhaltung benötigt 70 Prozent landwirtschaftlicher Flächen, erzeugt klimaschädliche Gase, verschmutzt Wasser, sorgt für die Entstehung von MRSA. Es schadet so indirekt unserer Gesundheit, aber auch der tägliche übermäßige Fleischkonsum ist nicht gesund. Klar ist aber auch: die Landwirtschaft ist nicht Ursache aller Klima-, Gesundheits-  und Umweltproblemen und somit wäre Invitrofleisch auch nur ein Teil der Lösung.

Bei Invitrofleisch würden wir also weniger Land benutzen und weniger Wasser verbrauchen und verschmutzen. Dagegen geht man von einem hohen Energieverbrauch aus und die Rohstoffe fürs Züchten des Invitrofleisches müssen ja auch irgendwo herkommen.

So funktioniert die Herstellung: den Rindern werden Muskelzellen mittels einer Biopsienadel entnommen. Noch besteht das Nährmediums aus fötalem Kälberserum, welches einem Fötus aus dem Herz entnommen wird. Dazu muss eine tragende Kuh geschlachtet werden. Das Nährmedium ohne Tierleid herzustellen, wird eine der größten Herausforderungen sein. Darüber hinaus reicht es auch nicht nur Muskelzellen herzustellen. Saftigkeit, Fellgehalt – es gehört einiges dazu, wenn man den Geschmack einer Hühnerbrust, einer Salami oder eines Steaks im Labor erzeugen will. Ein schneller Erfolg scheint also äußerst fraglich.

Noch erscheinen die Versprechungen und das Mediumecho dem derzeitigen Forschungstand in keiner Weise angemessen. Von einem Steak für 15 $ im Jahr 2022 spricht etwa ein neues Unternehmen aus Israel, welches sich auf Geldsammeltour befindet. Dabei verraten sie nicht das Nährmedium, welches sie dazu nutzen wollen, das sei schließlich Firmengeheimnis. 

Wir GRÜNEN sollten die Entwicklungen interessiert begleiten. Aber wir sollten darauf aufmerksam machen, dass so eine Diskussion von den eigentliche Problemen, die wir derzeit haben, ablenkt. Landwirtschaftliche Intensivproduktion ist für viele Probleme (mit)verantwortlich, jedoch ist sie als Urproduktion derjenige Sektor, auf den wir am wenigsten verzichten können. Wenn Landwirtschaft im Einklang mit der Natur betrieben wird und die Naturkreisläufe beachtet, dann ist das energiesparende Nahrungsmittelproduktion und kostengünstige, lebensmittelproduzierende Kulturlandschaftspflege. Heute gibt es  – insbesondere auf der Nordhalbkugel – noch zu viele Tiere auf unserem Planeten, die für die menschliche Ernährung gehalten und mit auf abgeholzten Regenwaldflächen produziertem Soja gefüttert werden. Diese Tierzahlen zu senken muss politisches Ziel sein. Für die Verbraucher*innen bedeutet das: tierische Produkte wieder als Qualitätsprodukte anzusehen, welche aber nur in geringen Mengen gesund sind. Durch Haltungskennzeichnung können wir den Menschen Wahlfreiheit ermöglichen, tierische Produkte aus guter Haltung zu kaufen. Genauso gut ist es wichtig, durch Aufklärung und Angebot bei der Gemeinschaftsverpflegung gesunde, vegetarischen oder vegane Alternativen anzubieten – das Land Berlin geht da in die richtige Richtung. Notwendig ist aber sicher auch eine politische Regulierung, die zum einen durch Bestandsgrenzen, Beschränkung von Futterimporten oder durch Düngeauflagen Tierzahlen auf ein erträgliches Maß reduziert und gleichzeitig im Blick hat, welche Bedeutung bäuerliche, landwirtschaftliche Betriebe auch und gerade mit Viehhaltung für den ländlichen Raum haben.

Tierhaltung, die an die Fläche gebunden ist und den Tieren ermöglicht, ihre arteigenen Verhaltensweisen auszuleben, sollte gefördert werden. Dabei kann Tierhaltung, wenn es in die Kreisläufe eines landwirtschaftlichen Betriebes eingebunden ist, auch die Artenvielfalt fördern, Kulturlandschaften pflegen und durch Humausaufbau CO2 im Boden binden.  

Clean Meat bzw. Laborfleisch sind hochtechnische Antworten auf ethisch fragwürdige Haltungsweisen und gesundheitsschädliche Essgewohnheiten –  und eine weitere Entfremdung von natürlichen Kreisläufen und Prozessen. Im Einzelfall kann es hilfreich sein, auf solche künstlichen Mittel zurückgreifen zu können. Für eine lebenswerte Gesellschaft mit Empathie, Erfahrung, Berührung, Ausprobieren von Kindesbeinen an ist eine solche Produktionsweise jedoch nicht zukunftsweisend.  Mehr Naturerfahrung liest und hört man allerorten – dieser neuste Trend der Lebensmittelproduktion weißt in die Gegenrichtung.

 

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