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Eine Milchmädchenrechnung

Im einundzwanzigsten Jahrhundert

figure Foro: PublicDomainPictures pixabay

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34 Cent pro Liter Milch bekommen Bauern heute, derselbe Preis wie im Jahre 1988. Dem gegenüber stehen steigende Rohstoffpreise, höhere Löhne, größere Investitionen. Nur durch Wachstum oder Kosteneinsparungen können die Höfe sich halten, mit den entsprechenden Belastungen für die Umwelt und das Tierwohl. Der Strukturwandel, das Höfesterben ist seit Jahrzehnten Realität. Und auch die wachsenden Höfe stehen unter Druck. Belastet durch hohe Kreditverpflichtungen, sind nicht wenige in den letzten Jahren in die Insolvenz gegangen. Es wird an Futter, an Platz gespart, die Kühe auf Hochleistung gezüchtet.

Die andere Seite: Über 50 % des EU Haushaltes, das sind knapp 60 Milliarden, fließen in die europäische Agrarwirtschaft. Nicht alle Landwirt*innen sind so stark betroffen wie die Milchbetriebe. Ackerbaubetriebe stehen besser da. Aber der Rationalisierungsdruck trifft die gesamte Branche. Die wachsende Intensivierung der Landwirtschaft belastet das Ökosystem, unser Wasser, unsere Biodiversität, unsere Bodenfruchtbarkeit und verarmt die Landschaft auch optisch. Schwinden die Höfe, die meist eigenverantwortlich und über Generationen hinweg bewirtschaftet wurden, schwindet damit Wissen, Kultur und Tradition der Regionen. Haustierrassen, Obstbäume, Acker- oder Gemüsepflanzen, die standortangepasst über Jahrhunderte dort entstanden sind, gehen verloren.

Geiz ist nicht mehr geil. Der Verbrauchertrend geht zu Regionalität und ökologischem Anbau. Da die Politik es nicht geschafft, die Produkte klar zu kennzeichnen, haben die großen Lebensmittelketten Haltungssiegel für Fleischprodukte entworfen. Die Biobranche wächst jährlich mit 10 %. Nachhaltigkeit ist ein strategisches Anliegen.

Welcher Weg führt in eine nachhaltige Landwirtschaft, in der Produktqualität, Tierwohl und vernünftige ökonomische Rahmenbedingungen gleichermaßen gewährleistet sind?

Im Grünen Wirtschaftsdialog wollen wir mit großen und kleinen Unternehmen des Agrarsektors und der Lebensmittelbranche ins Gespräch kommen, um nachhaltige und unternehmerische Wege zu identifizieren. Welche Rahmenbedingungen und Anreize muss die Politik setzen? Wie gelingt der Generationswechsel in der Landwirtschaft? Wie können neue Entwicklungen für alle Landwirtschaftsbetriebe erschlossen werden?

Es gibt weder „die“ Landwirtschaft, noch „die“ Lösung. Aber es gibt viel Bewegung in der Branche, zahlreiche Startups entstehen im Ernährungssektor. Ernährung, Gesundheit, Herkunft der Lebensmittel rückt weit mehr in die Mitte der Gesellschaft, als es in den vergangenen Jahren war. Und ist deshalb auch Inhalt unserer Dialoggespräche.

Dr. Ophelia Nick, Tierärztin, ist u.a. Vorständin des Grünen Wirtschaftsdialogs, im Beirat von Voith und Geschäftsführerin des Demeter Betrieb Talhof in Heidenheim.