Ist Gentechnik dem vielfältigen Angebot der Natur überlegen?

Position der BAG Landwirtschaft & ländliche Entwicklung zur Gentechnik in der Landwirtschaft  – 2018

In jährlich wiederkehrenden Umfragen spricht sich die große Mehrheit der europäischen Bevölkerung gegen gentechnisch veränderte Organismen aus. Europäer*innen bezweifeln den Nutzen und haben ethische Bedenken, Pflanzen und Tiere gentechnisch zu verändern. In dem Fall, dass Organismen jedoch gezielt verändert werden, fordern sie, dass mögliche Auswirkungen auf die Natur ausführlich untersucht, deutlich kommuniziert und gekennzeichnet werden. Transparenz und Wahlfreiheit für Verbraucher*innen dürfen deshalb nicht ignoriert werden. Da zudem alle Bereiche entlang der Wertschöpfungskette von der Züchtung bis zum Handel betroffen sind, muss sich auf jeder Ebene gegen Gentechnik entschieden werden können.

Wir GRÜNE, aber auch die mit uns verbundenen Verbände – von Naturschutz- bis zu Landwirtschaftsverbänden – haben klare Vorstellungen für die Erzeugung von Lebensmitteln. Zum Schutz von Umwelt und Gesundheit wird Gentechnik bei der Erzeugung von Lebensmitteln abgelehnt. Dies bezieht sich auch auf die neuen Methoden der Gentechnik, das sog. Gene-Editing, bei denen u.a. die Gen-Schere CRISPR/Cas zum Einsatz kommt. Wieder und wieder wurden trockenheits- und salzresistente Sorten sowohl mit der alten als auch der neuen Gentechnik angekündigt. Bisher ist nichts davon zu sehen. Es ist eindeutig, dass Gentechnik in den letzten dreißig Jahren keinerlei dieser Versprechen eingelöst hat. Sie diente stattdessen dazu, pestizidresistente Sorten zu schaffen mit deren Nutzung ein höherer Pestizideinsatz und gravierende Umweltbelastungen sowie ein erschreckender Biodiversitätsschwund einhergehen. Auch den Hunger in der Welt konnte man mit dieser Technik bisher nicht besiegen und für Kleinbauer*innen bringt sie rein gar nichts.

Am 25. Juli 2018 hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass mit neuen gentechnischen Verfahren erzeugte Pflanzen und Tiere ohne Ausnahme unter das EU-Gentechnikrecht fallen. Befürworter*innen der neuen Verfahren zweifeln dieses Urteil an, obwohl der EuGH seiner Pflicht nachgegangen ist, eine Bewertung über die in Europa geltende Rechtslage abzugeben. Dazu gehört entscheidend das Vorsorgeprinzip. Es kommt zur Anwendung, wenn aufgrund einer vorläufigen wissenschaftlichen Risikobewertung Anlass zu Besorgnis besteht, dass etwas potenziell gefährliche Folgen für die Umwelt und die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen hat. Dies erfolgt auch, wenn wissenschaftliche Beweise noch ungenügend, nicht schlüssig oder unsicher sind, wie das bei CRISPR/Cas der Fall ist. Es ist Teil eines jeden fortschrittlichen Risikomanagements und sogar die Schöpferin der Technik, Emanuelle Charpentier, hat sich für eine strenge Regulierung der mächtigen Technologie ausgesprochen und hofft auf Europa als Vorbild.

Es wird behauptet, dass neue Verfahren wie CRISPR/Cas viel einfacher und präziser sind als bisherige Gentechnikverfahren, was nach wie vor unbewiesen ist, im Gegenteil: es gibt Meldungen über zahlreiche Fehlfunktionen. Die Genschere nimmt technische Eingriffe direkt in der DNA vor, wobei DNA ausgeschnitten, ausgetauscht oder künstliche, synthetische DNA eingefügt werden kann. Es können sowohl kleine Punktmutationen vorgenommen, als auch größere Genabschnitte verändert werden. Die Eingriffe werden mehrfach hintereinander oder in Kombination durchgeführt. CRISPR/Cas umgeht natürliche Mechanismen der Genregulation, mit denen sich Organismen normalerweise vor negativen Folgen von DNA-Veränderungen schützen. Die gentechnischen Veränderungen sind vererbbar und führen zu spezifischen neuen Kombinationen von genetischen Eigenschaften, die über die einzelnen veränderten DNA-Abschnitte hinaus den ganzen Organismus betreffen können.

Entgegen den Argumenten, dass gentechnisch erzeugte Pflanzen und Tiere keine Unterschiede zu natürlichen Mutationen aufweisen, bestätigen einige Studien völlig veränderte Reaktionen der Organismen. Werden veränderte Organismen freigesetzt, sind diese mit allen unkontrollierbaren Auswirkungen in der Umwelt und kaum rückholbar. Daher ist es eine nicht nur vernünftige sondern wissenschaftlich und juristisch angemessene Position, diese Organismen unter den Rahmen eines modernen Risikomanagements zu stellen. Das heißt, dass sie vorevaluiert, gekennzeichnet und nachevaluiert werden und, dass es ein Standortregister geben muss. Schon alleine aufgrund der Tatsache, dass es Wirtschaftszweige wie den Ökologischen Landbau gibt, die per EU-Definition weder alte noch neue Gentechnik nutzen dürfen, ist eine Kennzeichnung unumgänglich, alles andere wäre eine unlautere Wettbewerbsverzerrung.

Als BAG für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung vertreten wir eine bäuerliche, widerstandsfähige ökologische und auf Vielfalt basierende Landwirtschaft, die auf Kreislaufwirtschaft setzt. Wir sind der Überzeugung, dass die von den Autoren des Weltagrarberichts empfohlenen Agrarsysteme, die das Anwenden von agrarökologischen Techniken, den Einsatz von vielfältigem samenfesten und nachbaufähigem Saatgut, den Zugang zu Land und Wasser sowie zu regionalen Märkten in den Vordergrund stellen, weit nachhaltiger und erfolgsversprechender sind als das, was Gentechnik verspricht und nicht liefert. Denn es geht um Systeme. Oder anders ausgedrückt, wenn die Antriebstechnik des VW veraltet ist, nützt es nichts, den Reifen zu wechseln. Dies gilt auch für die Züchtung von Resistenzen: Die CRISPR/CAS-Technik setzt auf schnelle Resistenzerzeugung mit möglichst wenigen veränderten Genen, was das Risiko schneller Resistenz-Durchbrüche mit sich bringt. Die klassische Resistenzzüchtung setzt im Vergleich dazu – z.B. bei Obst und Wein aber auch bei anderen Kulturpflanzen – auf eine breite genetische Resistenz, die deutlich stabiler und langlebiger ist. Dafür brauchen wir eine hohe genetische Vielfalt als Ausgangspunkt. Nur durch solche Züchtungen, die auf einer breiten genetischen Vielfalt beruhen, die in der Natur schon getestet wurde, können naturverträgliche, standortanpasste und samenfeste Sorten entstehen und erhalten bleiben.

Welche Probleme wollen wir wirklich lösen? Welche Anbausysteme bieten Lösungen für komplexe Probleme, schonen gleichzeitig Ressourcen, erhalten und stärken Vielfalt? Aktuell werden agrarökologische Methoden – zu denen auch der zertifizierte Ökolandbau gehört – in Europa und weltweit nur mit einem Bruchteil der finanziellen Mittel erforscht und weiterentwickelt. In Deutschland sind es gerade mal 1,5 Prozent der Forschungsmittel, die für konventionelle und gentechnische Forschung ausgegeben wird. Agrarökologische Forschung hätte ein weitaus größeres Potential, Antworten für die großen Herausforderungen zu Klimaschutz und Klimaanpassung, Sicherung der Artenvielfalt sowie von Wasser und Böden zu entwickeln. Viele solcher Techniken sind schon bekannt und müssten nur weiterentwickelt werden. Zuallererst aber müssen sie jetzt schon einmal angewandt werden.

Die Landwirtschaft muss sich auf Anforderungen des weltweiten Klimawandels, des Ressourcenverbrauchs und des Biodiversitätschwundes bei einer wachsenden Weltbevölkerung und immer kritischeren Verbraucher*innen einstellen. Dabei wollen wir als GRÜNE Verantwortung übernehmen und uns für eine umwelt- und tiergerechte Wirtschaftsweise einsetzen. Welche Partei, wenn nicht wir GRÜNE, sollte eine klare Stimme für eine zukunftsfähige ökologischere Landwirtschaft haben, die auch an die Generationen nach uns denkt. Nur eine genetische Vielfalt unserer Pflanzen und Tiere kann den Anforderungen der Zukunft gerecht werden. Lernen wir unsere Natur besser zu verstehen und ihre genialen Lösungsangebote zu nutzen, anstatt an ihr herum zu experimentieren!