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OpheliaUlle
22.04.2026

Fachgespräch im Bundestag: Vernetzung, Förderung, Führungsposition – Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft

Fachgespräch im Bundestag:

Vernetzung, Förderung, Führungsposition – Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft

Über die Veranstaltung
Ergebnisse des Fachgesprächs unterstreichen: Es gibt kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Grüne Bundestagsfraktion fordert Bundesregierung auf, strukturelle Maßnahmen für de facto gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Landwirtschaft umzusetzen.

Knapp 40 Prozent der Arbeit in der Land- und Ernährungswirtschaft weltweit wird von Frauen geleistet. Damit spielen Frauen eine zentrale Rolle für die globale Ernährungsversorgung. Dennoch werden Frauen strukturell benachteiligt und ihre Arbeit viel zu häufig nicht gesehen. So auch in Deutschland. Gut ein Drittel der in der Landwirtschaft Tätigen sind Frauen. Aber nur einer von zehn landwirtschaftlichen Betrieben hierzulande wird von Frauen geführt. Damit gehört Deutschland zu den Schlusslichtern Europas.

Können Frauen ihre Kompetenzen und Fähigkeiten nicht vollumfänglich in den Sektor einbringen, geht uns nicht nur wirtschaftliches Potenzial verloren, sondern auch innovative Ideen, die wir für einen zukunftsfähigen Agrarsektor brauchen. Angesichts der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, vor denen die Landwirtschaft steht, können wir uns das schlichtweg nicht mehr leisten.

Die Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft ist damit eine zentrale Zukunftsfrage des Sektors.

Um konkrete Maßnahmen und Best-Practice Beispiele für echte Chancengleichheit auf dem Acker zu erarbeiten, und die Vernetzung gleichstellungspolitisch interessierter Akteur*innen zu fördern, luden Dr. Ophelia Nick, Sprecherin für Landwirtschaftspolitik, sowie Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion, am 24. März 2026 zu einem digitalen Fachgespräch ein. Ca. 60 Personen folgten der Einladung. Begleitet wurde die Veranstaltung von zwei Anträgen, die die Bundestagsfraktion bereits am 8. März zum Internationalen Tag der Frau in den Bundestag eingebracht hatte.

Für Impulse aus der Praxis konnte die Fraktion drei Expertinnen aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Finanzwirtschaft gewinnen. Den Auftakt machte Elisabeth Fresen, Betriebsleiterin des Bio-Hofs „Stoffers Hoff“ im niedersächsischen Verden (Aller). Sie kritisierte, dass Frauen eine Hofübernahme oder Betriebsleitung noch immer weniger zugetraut würde als Männern. Der eigenen Überzeugung und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten haben solch tradierte Geschlechtervorstellungen zwar keinen Abbruch getan. Zu einem praktischen Problem würden sie aber, wenn plötzlich der eigene Bankberater davon überzeugt sei und Betriebsleiterinnen oder Existenzgründerinnen daher keine Kredite oder nur mit schlechten Konditionen bekämen. Deshalb müsse Gleichstellung mit konkreten Maßnahmen aktiv gefördert werden.

Janna Luisa Pieper, Agrarsoziologin an der Universität Göttingen und Mitautorin der umfassenden Studie „Frauen.Leben.Landwirtschaft“ zur Arbeits- und Lebenssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland, knüpfte daran an. Es brauche dringend gezielte Fördermaßnahmen für Frauen, etwa bei Existenzgründungen. Mut zu haben reiche nicht. Sie betonte, dass es Aufgabe der Politik sei, strukturelle Benachteiligungen abzubauen und nicht die Eigenverantwortung einzelner Frauen, diese individuell zu überwinden. Außerdem brauche es dringend ausreichend Forschungsgelder und ein besseres Monitoring geschlechtsspezifischer Daten in der Landwirtschaft. Nur so könne die Gerechtigkeit und Wirksamkeit politischer Maßnahmen auch kontrolliert werden.

Nikola Steinbock, Vorstandssprecherin der landwirtschaftlichen Rentenbank, unterstrich, dass Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft auch eine Wettbewerbsfrage sei. Wer über die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft spräche, müsse auch über die Potenziale im eigenen Land sprechen. Es dürfe nicht einfach eine Hälfte der Potenziale in der Gesellschaft vergessen werden. Studien belegten, dass Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen aufgrund der Vielfalt der Perspektiven häufig innovativer, nachhaltiger und resilienter seien. Die Rentenbank bietet bereits Kredite mit Sonderkonditionen für Junglandwirtinnen und Hofnachfolgerinnen an. Handlungsbedarfs sieht Nikola Steinbock bei der weiteren Finanzierung spezieller Coachings für Frauen durch das Bundeslandwirtschaftsministerium sowie eine gute Finanzbildung für Frauen.

Während der anschließenden Diskussion sprachen die Gäste über ihre konkreten Erwartungen an die Politik. Wichtig sei es, die Vielfalt der Frauen in der Landwirtschaft und ihrer Lebensrealitäten anzuerkennen. Es brauche eine verbindliche Beteiligung von Frauen bei Veranstaltungen oder Beratungsgremien in der Landwirtschaft. Ziel müsse eine ausgewogene Besetzung sein. Aus Sicht der Faktion gehört auch die gezieltere Vergabe von Agrarzahlungen und Fördermitteln an Frauen dazu
(Grüner Antrag zur Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft).

Ein weiteres zentrales Anliegen der Teilnehmenden war die Einführung eines gesetzlichen Mutterschutzes für Selbstständige. „Viele Frauen in der Landwirtschaft stehen in der Praxis bei der Kinderfrage noch immer vor der Entscheidung zwischen ‚Kuh oder Kind‘“, merkte Janna Luisa Pieper an. Der Mutterschutz für Selbstständige würde Frauen in der Landwirtschaft den Rücken stärken und sie finanziell besser absichern.

Wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen in der Landwirtschaft haben wollen, dann müssen wir nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dringend verbessern. Die Fraktion sieht hier Handlungsbedarf, der über die Landwirtschaft hinausgeht: Die Kinderbetreuung und Unterstützungsangebote bei der Pflege müssen auf dem Land ausgebaut werden. Um die finanzielle Eigenständigkeit und Selbstbestimmung von Frauen zu stärken, müssten auch Fehlanreize bei der Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit abgebaut werden. Dazu fordert die Fraktion etwa die Lohnsteuerklassen und das Ehegattensplitting geschlechtergerecht zu reformieren
(Grüner Antrag für Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung von Frauen).

In der Zusammenfassung der Veranstaltungsergebnisse unterstrichen Dr. Ophelia Nick und Ulle Schauws: Die Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft krankt nicht an einem Erkenntnisproblem, sondern an einem Umsetzungsproblem. Es braucht jetzt den politischen Willen der Bundesregierung, die strukturellen Hürden gezielt abzubauen.

Das diesjährige UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erhöht die Aufmerksamkeit für das Thema Gleichstellung, stärkt die Sichtbarkeit und Vernetzung von Frauen und bietet so die Möglichkeit, gezielte Lösungen voranzutreiben.

Die Klarheit und Entschlossenheit, mit der die Teilnehmenden des Fachgesprächs alltägliche Benachteiligungen benennen und mit konkreten Maßnahmen ihren Abbau einfordern, geben der grünen Bundestagsfraktion Rückenwind für ihre Arbeit. Als Fraktion werden wir auch über das UN-Jahr hinaus dafür kämpfen, dass Gleichstellung – in allen Lebensbereichen – Wirklichkeit wird.

Artikel Grüne Bundestag

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